Matt Haig – Die Radleys. Ein Vampirroman

Matt Haig Die Radleys Buchcover - Kieperheuer & Witsch
Matt Haig Die Radleys Buchcover - Kieperheuer & Witsch
Auf den ersten Blick sind die Radleys eine ganz normale Familie. Aber die Eltern hüten ein Geheimnis: Sie sind abstinente Vampire!

Braucht die Welt noch einen Vampirroman? Ja - wenn er so originell und gut geschrieben ist, wie „Die Radleys“ von Matt Haig. Seit dem Erfolg von Stephenie Meyers „Twilight“ Saga wird der Buchmarkt regelrecht von Vampirromanen überschwemmt, aber die meisten sind mehr oder weniger „Twilight“ Plagiate. Haigs Roman dagegen gewinnt dem Genre Neues ab. Er beschreibt die Nöte einer Vampirfamilie, die ganz normale Menschen sein wollen.

Inhalt: Eine ganz normale Familie abstinenter Vampire

Die Radleys, Vater Peter, seine Frau Helen und die pubertierenden Kinder Rowan und Clara sind so durchschnittliche wie ihre Nachbarn. Peter ist Arzt und erwägt einen Seitensprung, weil seinen Frau keinen Sex mehr will. Helen hat ständig Kopfschmerzen, Rowan liest Poesie und fühlt sich unverstanden, Clara ist seit Neuestem Veganerin und übergibt sich nach dem Essen. Sie sind eine ganz normale dysfunktionale Familie. Wenn es da nicht die Irritationen gäbe: Tiere geraten in ihrer Gegenwart in Panik, sie tragen Sonnenschutzfaktor 60, leiden an Hautausschlägen, nächtlicher Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, und sind allergisch gegen Knoblauch…

Als Clara von einem Jungen belästigt wird und ihn in einem Blutrausch umbringt, gerät das geordnete Leben der Radleys aus den Fugen. Die Kinder erfahren von ihren Eltern, dass sie Vampire sind, die abstinent leben. Während Clara und Rowan noch mit der Enthüllung kämpfen, spitzt sich die Situation zu. Die Polizei ermittelt, ein Vampirjäger spioniert ihnen nach und zu allem Überfluss taucht auch noch Onkel Will auf, ein praktizierender Vampir, der ein weiteres Familiengeheimnis hütet.

Satirischer Witz: Kulturschaffende Vampire und Anonyme Abstinenzler

Obwohl der Roman auf einer tieferen Ebene über Konformität, Identität und Selbstfindung nachdenkt, kommt er leichtfüßig daher. Haigs Prämisse, dass Vampire unerkannt als Zweitgesellschaft unter uns leben, sorgt für absurden Witz. Der Leser erfährt, dass Prince Jimi Hendrix und Byron in Wirklichkeit Vampire waren und Filme wie „Red River“ oder Lieder wie „Volare“ einen geheimen Subtext haben.

Bluttrinken ist bei Haig eine Sucht wie jede andere. Der Rausch ist ein mächtiges, belebendes Gefühl, der Weg der Abstinenz ist gepflastert mit Versuchungen. Nach dem Vorbild der AA Gruppen gibt das „Handbuch für Abstinenzler“ praktische Ratschläge oder verkündet Weisheiten wie: „Wenn Blut die Antwort ist, haben Sie die falsche Frage gestellt.“

Die Radleys: Eine Satire auf die Mittelschicht

Während andere Vampirromane das Ungewöhnliche ihrer Protagonisten betonen, ist es in diesem Buch genau umgekehrt. Die Radleys benutzen Durchschnittlichkeit als Tarnung. Mit satirischem Vergnügen beschreibt Haig die Rituale des Mittelstands: die Nachbarn werden zum Essen eingeladen, man redet über Geschäfte und denkt an Seitensprünge – Desperate Housewives lässt grüßen. „Wir gehören zur Mittelklasse und wir sind Briten. Beherrschung liegt uns im Blut.“ Anpassung bis zur Selbstverleugnung ist Helens Motto. Die unterdrückten Triebe brechen sich in diffusem Unwohlsein Bahn. Die Gedanken bleiben an Worten wie „Verstellen“, „Entbehren“, „Ändern“ zwanghaft hängen, der Blick an den Hälsen der Mitmenschen.

Die Radleys sind im wahren Sinne des Wortes blutleer. Blut steht für die Gefühle, die Helen und Peter so angestrengt unterdrücken: Leidenschaft, Lust, Freiheit. Das alles verkörpert Will, der praktizierende Vampir, der bezeichnenderweise wie ein Althippie aussieht. Er ist der große Verführer, der alle Familienmitglieder in Versuchung führt. Aber er zeigt auch, wohin das andere Extrem führt: Will ist verantwortungslos, rücksichtslos und unfähig, sich sozial einzufügen.

Fazit: Ein origineller und vielschichtiger Vampirroman

Matt Haig hat mit „Die Radleys“ ein Buch geschrieben, das mehr als nur ein Unterhaltungsroman ist. Unter der Vampirgeschichte mit Krimielementen findet sich eine Satire auf die Mittelschicht, eine Parabel über Sucht, eine Familiengeschichte und eine Coming of Age Story. Haigs Sprache ist prägnant und lakonisch, mit satirischem Witz. In Großbritannien wird das Buch überraschenderweise als Jugendbuch vermarktet, spricht mit seinen Themen aber eher Erwachsene an. Die Filmrechte für das Buch sind schon verkauft und man darf gespannt sein, worauf Regisseur Alfonso Cuaron den Schwerpunkt des Films legen wird.

Matt Haig. Die Radleys. Kiepenheuer & Witsch. August 2010. 432 Seiten. Gebunden 19.95 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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